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Der Sommer ist in der Wüste so lang, dass es nicht verwundert, wenn er als seine eigentliche Essenz, als seine Seele angesehen wird. Ab Mittag hämmert einem die Sonne mit voller Wucht direkt auf den Kopf, so als wollte sie ihn durchdringen und einem das Hirn verbrennen. Sogar der Tschesch, der einen vor der Sonne schützt, riecht verbrannt nach den ersten Minuten in dieser Sonne. Die letzten Abendstunden sind dagegen sehr angenehm.

Seinen eigentlichen Zauber entfaltet der Sommer jedoch erst in den Wüstennächten, wenn er seine Geheimnisse ausbreitet. Mir fehlen die Worte, sie entgleiten mir, wenn ich versuche, diese Nächte zu beschreiben. Ich versuche, sie ganz zart ineinanderzuflechten, und schon überstürzen sich meine Gefühle und verwirren meine Worte, die allen Sinn verlieren. Ich gebe es auf und schließe besser die Augen. Da nähert sich scheu die Dunkelheit, Schamröte im Gesicht, auf der Suche nach dem Lager der Nacht. Der Himmel bittet sie schmeichelnd zu sich, er will sie verführen, sie umarmen sich und verschmelzen miteinander. Hand in Hand strecken sie sich auf der Erde aus und laden die Schlaflosen ein, sich an ihrer Leidenschaft zu freuen. Die Sterne ziehen sich einer nach dem anderen ihren Schleier vom Gesicht und schimmern fröhlich mit silbern leuchtenden Buchstaben. Sie blinken und tanzen, mal fern und mal nah, und bilden im Reigen die Worte eines strahlenden Gedichts. Manche ziehen auch flüchtige Linien, bevor sie an ihren Platz eilen, zum Gedicht aus Himmel und Dunkelheit. Die Nachtluft flüstert den Reim dazu, der Sand und ich lauschen ihm still. Sein Zauber trägt mich davon, ich schwebe, und sehne mich danach, einer dieser Buchstaben am Sternenhimmel zu sein.

Pius Alibek - Als ich unter Sternen schlief