Das Land
Hurghada

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Steine stapeln für die Nachwelt

Der Ägypter ist heilfroh, dass sein Uropa so viel Spaß am Steinekloppen gehabt hat. Ohne diese Leidenschaft gäbe es links und rechts des Nils nichts zu sehen, und der Fremde würde den Ägypter heute wahrscheinlich nicht besuchen. In größter Präzision hat der Ägypter seinerzeit die frisch gehauenen Riesensteine zu immer kurioseren Bauten gestapelt, die ein paar tausend Jahre später immer noch unerreicht sind. Wie das genau ging, ist heute in Vergessenheit geraten, was die alten Bauwerke noch beeindruckender macht, zumal heute selbst halbwegs neue Wohnhäuser in Kairo ohne Vorankündigung einstürzen. Offenbar hat der Vorvater des Ägypters einiges an Wissen mit in die Grabkammer genommen - übrigens auch die Antwort darauf, warum Comics früher gemauert wurden, obwohl das der mit Abstand unhandlichste Weg ist, die Bildchen festzuhalten. Wer zu Zeiten des Vorvaters feinmotorisch ein bisschen versierter war als die steinekloppenden Verwandten, durfte Blechmasken für den toten König basteln, die der Ägypter heute in Hochsicherheitstrakten hinter Panzerglas gegen horrenden Eintritt vorzeigt: alles zur Begeisterung des Zugereisten. Zuvor hat der Ägypter das Grab des toten Königs ausgehoben und ihn hinter der Maske vorgepuhlt, um das Uralt-Kunsthandwerk überhaupt ausstellen zu können. War so eine Maske besonders gut gelungen, wurde der Kunsthandwerker zur Belohnung gleich mit bestattet. Wenn heute der Pharao sterben sollte, dessen offizieller Titel inzwischen geringfügig anders lautet, wird - nach allem, was man hört - niemand mehr einfach so mitbeerdigt. Ein Beweis dafür, dass sich Landessitten im Laufe der Jahrhunderte zum Vorteil wandeln können.

Die Frau des alten Ägypters gilt seit Jahrtausenden als Schönheitsideal. Namen wie Kleopatra und Nofretete stehen für die Erfindung von Kosmetikbehandlung und Wellnessurlaub, während „Ramses" heute allenfalls noch als Rufnamen für Nachbars Bulldogge herhalten muss und ansonsten fast in Vergessenheit geraten ist. Die größte Berühmtheit unter all den eingewickelten Königen ist Pharao Tutanchamun, der zwar historisch völlig unbedeutend war, aber in seinem Grab mit einer bis dato nicht für möglich gehaltenen Menge an Kunsthandwerk erwischt wurde. Sein Vorname findet im heutigen Alltag trotzdem keine Verwendung mehr.

Der Ägypter feilscht übrigens gerne. Deshalb hat er überall dort, wo der Fremde gelegentlich vorbeischaut, eine Reihe bunter Stände aufgebaut oder im baufälligen Erdgeschoss seines Hauses einen Laden eingerichtet, weil der Nachbar ja auch einen hat. Dort gibt es Dinge, die man brauchen könnte, und solche, die mehrheitlich absolut entbehrlich sind und sich wahrscheinlich gerade deshalb so gut verkaufen: Papyrus-Bildchen von lauter fremden Leuten aus dem Altertum im Profil, nachgemachte Grabbeigaben, beiseite geschaffte echte Grabbeigaben, Plastik-Tuts und T-Shirts mit programmatischen Aussagen wie „I like Egypt".

Das meiste davon wird nur deshalb gekauft, weil der Verkäufer urplötzlich und ohne gefragt zu werden, eine Preisforderung über den Tresen schleudert und der Fremde sich unwillkürlich zum Kontern mit einem viel niedrigeren Preis veranlasst sieht. Am Ende bekommt er das Teil dafür -und merkt erst am übernächsten Stand, dass er es gar nicht haben wollte. Da ist der Ägypter sehr geschickt.

Neuerdings mag der Fremde nicht mehr ganz so viele alte Bauwerke angucken wie noch zuvor, sondern geht lieber mal schwimmen. Im Nil ist das nicht so richtig gesund, obwohl das Krokodil ja nur noch hinter dem Assuan-Staudamm wohnt und nicht mehr davor, weil es zum eigenen Leidwesen nicht durch die Wasserkraft-Turbinenräder der Stauwand passt. Deshalb hat der Ägypter jede Menge schicke Hotels aus dem Küstensand gestampft, die er alle zusammen Hurghada nennt. Gleich vor deren Tür ist das Rote Meer, das in Wirklichkeit eher blau ist, tolle Tauchgründe und immer mehr Ausflugsboote hat. Dort geht der Fremde nun ganz begeistert die Koralle und den Fisch besuchen, was dem Ägypter den einen oder anderen Arbeitsplatz und ganz gute Einnahmen beschert.

Aufpassen müssen der Taucher und der Schnorchler nur, dass nicht plötzlich ein charismatischer Herr mit Gefolge angewandert kommt, all das viele, schöne Wasser wegschiebt, kurzerhand das Meer teilt und trockenen Fußes zum ziemlich weit entfernten anderen Ufer durchlatscht. Steht man da als Touri im Taucheranzug mir nichts, dir nichts auf dem Trockenen (und vor allem im Weg), kann das ein bisschen peinlich werden. Aber angeblich hat der Ägypter versprochen, dass so etwas nicht allzu oft vorkommen wird.

Helge Sobik

Sonntag Aktuell 21.11.2004

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